Der September ist mit Konferenzen gut bestückt und bietet so einige Sahnebonbons für annähernd jeden aus der IT-/Digital-Branche. Nach der #YOTG (Year of the Goat) und der solutions.hamburg stand letzte Woche die NEXT-Konferenz im Kalender. So hatten einige von uns aus dem Vorbereitungsteam der solutions.hamburg die Möglichkeit, auf die NEXT zu gehen und zu schauen, wie sich unsere Freunde vom #digitalseptember so schlagen. Das Ergebnis: Es hat sich gelohnt.
Der #digitalseptember ist ein Zusammenschluss der vier großen Digitalkonferenzen in Hamburg, neben den oben genannten gehört auch die code.talks dazu. Als Zusammenschluss ergänzen wir uns gegenseitig, anstatt miteinander zu konkurrieren.

Auf der Reeperbahn mittags um halb eins

Ein Grund zur Freude ist nicht nur die Rückkehr der NEXT aus der Hauptstadt nach Hamburg, sondern auch ihre Integration in das beliebte Reeperbahn-Festival. Bei der Gelegenheit konnte man die Reeperbahn mal (ausgeschlafen) bei Tageslicht betrachten – das ist schon ein kleines Erlebnis für sich.

Wenn man die Stufen der St.Pauli U-Bahnstation erklommen hatte, ahnte man schon, wohin es den Strom zieht – zu den tanzenden Türmen und dem Spielbudenplatz. Gegenüber vom Panoptikum stand das Registrierungszelt, in dem man sich schnell und einfach seine Bändchen und das weitere Survival-Pack für die nächsten drei Tage abholen konnte. Die Buden und Bühnen vom Reeperbahnfestival standen zum Großteil noch für den Nachmittag und den Abend bereit, aber den eigentlichen Herd der NEXT-Besucher konnte man recht schnell an der Traube vor dem Schmidts Tivoli identifizieren.
Bis zum Nachmittagsprogramm konzentrierte sich das Programm räumlich auf den Theatersaal, was der Veranstaltung einen besonderen Rahmen gab. Statt Quantität lag hier der Fokus verstärkt auf Qualität, abgesehen von einigen wenigen Speakern. Thematisch drehte es sich in diesem Jahr um das zukünftige Consumer-Verhalten: How we will LIVE, MOVE, WORK, SHOP, MAKE & PLAY.

How we will live – Von digitalen Trends und Gänsehautmomenten

Begleitet von einem klassischen Hamburger Frühstück to Go (Franzbrötchen und Kaffee) leitete Moderator Daniel Bröckerhoff wort- und bildreich in die NEXT ein. Den Anfang machten auf ihre individuelle Art mitreißende Keynotes.
Zur Einstimmung gab es einen kleinen Zusammenschnitt über das Konsumverhalten heutiger Jugendlicher am Beispiel von WhatsApp. Wie viele WhatsApp Nachrichten habt ihr schon verschickt? Wisst ihr’s? Den Rekord der interviewten Jugendlichen (heutige Generation Z) mit 90 k versendeten Nachrichten zu knacken, wird auf jeden Fall eine Herausforderung.

Soweit, so aufschlussreich. David Mattin, von Trendwatching, gab uns anschließend Einblicke in unterhaltsame, teilweise groteske Auswüchse des Digitaltrends – ob Catstagram (Instagram für Katzen) oder Umbrella Here – ein Gadget, das auf den Regenschirm gesteckt wird und durch Aufleuchten vor akuter Regengefahr warnt. Außerdem lädt es Fremde dazu ein, sie sich darunter zu gesellen.
David Mattin hatte viele Lacher und die Aufmerksamkeit des Publikums auf seiner Seite und bereicherte den einen oder anderen mit spannenden Erkenntnissen.

So erfrischend und locker die Session von David Mattin war, so nachdenklich und tiefgründig war der nachfolgende Beitrag von Anab Jain von Superflux. Durch den plötzlichen Tod ihres beliebten Professors wurde ihr die eigene Sterblichkeit bewusst. Sie beschloss für ihren Sohn, der schon jetzt in einer sehr digital geprägten und sich ständig verändernden Welt lebe (Bild im Hintergrund: er (3) mit einer Oculus Rift), einen Brief zu schreiben. Einen Brief, der die Welt beschreibt, die wir für unsere Kinder schaffen – unterlegt mit Bildern von teilweise beklemmenden, aktuellen gesellschaftlichen und politischen Ereignissen. Dies sei erst der Anfang. Mit der Welt verändere sich auch die gesamte Medienlandschaft. Wir produzieren und sammeln endlose Datenmengen mit denen wir alles mögliche zu tracken imstande sind, bis wir uns die Möglichkeit der Anonymität gänzlich nehmen. Auch wenn das Internet of Things omnipräsent ist, Technologie könne nicht das Ziel sein, so Anab Jain. Am Ende würde es schlimmer als von Orwell prognostiziert. Es bliebe aber auch die Orwellsche Hoffnung darauf, dass der Mensch schlussendlich doch gut sei und sein Anstand uns vor dem Schlimmen bewahre.

How we will move and work – “You got to fight for your right to romance!”

Mit den digitalen Trends und Modeerscheinungen ging es weiter. So gab es einen #selfiestorm und Trendwatcher Richard van Hoojdonk predigte sehr optimistisch von der Zukunft, in der wirklich alles miteinander vernetzt sein werde.
Er zeigte uns mehr oder weniger brutale Videos, wie er sich RFID-Chips unter die Haut spritzte oder den Verkehr der Zukunft mit selbst fahrenden Autos. Letzterer erinnerte eher an Harakiri-Aktionen.
Wie greifbar die Vision der selbstfahrenden Autos bereits ist und welche Auswirkungen dies auf die Industrie und Gesellschaft haben wird, stellte Nils Wollny von Audi mit seiner Entwicklung unter Beweis. 

Eines meiner Highlights an diesem Tag war der Vortrag von Tim Leberecht – darüber, dass wir im Streben nach Effizienz und digitaler Messbarkeit Gefahr laufen, die Romantik und ihren Zauber nicht nur aus unserem Leben zu verbannen, sondern auch aus der Wirtschaft. Im übertragenden Sinne brauche die Wirtschaft ein gutes Stück Romantik, quasi als menschliches Element. Unter anderem gehe es darum, eine Aura des Geheimnisvollen und Unerreichbaren zu bewahren, denn Marken oder Unternehmen verlören ihre Kraft, wenn sie zu durchsichtig und beständig werden. Die Kunst liege außerdem darin, etwas Großes im Kleinen zu erkennen oder Stärke zu beweisen, in dem man keine Angst davor hat, die Kontrolle zu verlieren. Man müsse Empathie zeigen und auch leiden können, denn Romantik bedeute schließlich nicht, immer glücklich zu sein. Unser Recht auf Romantik, besonders im beruflichen und wirtschaftlichen Kontext, müssten wir uns jedoch häufig hart erkämpfen. Auch das sei Romantik. Tim Leberecht fasst zusammen: Feel more, Feel good, Do good.

Am Nachmittag verteilte sich das Programm dann auf die gesamte Reeperbahn in Locations, die der geneigte Reeperbahnbsucher sonst nur in schummrigem Licht kennt. Nach viel Theorie waren die Sessions nun geprägt vom Praxisbezug. Ich war mit bekannten Gesichtern von der solutions.hamburg, wie Jeremy Tai Abbett, in einem Workshop, in dem wir einen Mobilität-Service entwickeln sollten. Unsere Lösung war “The Golden Shoppers Club” zur Vereinfachung des Lebensmitteleinkaufs für Senioren.

Tag 2: How we will (shop) and make – Nachwehen vom Reeperbahnfestival und warum IoT sucks

Tag 2 der NEXT fiel für mich leider nur sehr kurz aus. Der erste Track zu den Shopping Trends ist den Nachwehen des Reeperbahnfestivals zum Opfer gefallen. Offenbar ging es auch anderen so – gut, dass es Twitter und Slideshare gibt und alle Sessions im Schmidts Tivoli im Livestream einsehbar waren.

Im Track “How we make” rechnete Alexandra Dechamps-Sonsino (selbst Designerin für IoT-Produkte) mit den oft leeren Worthülsen rund um das Internet of Things (IoT) ab. Ihre Meinung: “IoT sucks!”. Brauchen wir wirklich noch mehr Dinge, nur um sie miteinander zu vernetzen? Wir sollten sie lieber sinnvoller nutzen und klug entscheiden, wie wir genau damit interagieren wollen.

Zum Thema sinnvolle und verantwortliche Nutzung von IoT knüpfte der Talk von Marcel Schouwenaar an. Wir vertrauen diesen “Dingen” immer mehr unser Leben an, aber was passiert, wenn wir durch ein Update für unsere Smart Home Tür-Öffnungsapp ausgesperrt werden? Immer mehr alltägliche Dinge vernetzen sich, aber muss das wirklich sein? Braucht Barbie wirklich ein Gehirn? Wir können zwar vieles vernetzen, aber das heißt noch lange nicht, dass wir es müssen! Bald werden wir keinerlei Privatsphäre mehr besitzen. Die verantwortliche Nutzung und allen vorweg die verantwortliche Erstellung dieser Dinge ist das Ziel, so Schouwenaar. Das ist eben das Ding mit diesen Dingen. Aber dafür gibt es jetzt auch das IoT Manifesto als Guidelines.

Gegen Mittag brach ich auf und überließ den restlichen Nachmittag den anderen Konferenz-Gängern. Mir bleibt nur zu sagen: “Es war mir ein Vergnügen. See you NEXT time!”